Monat: April 2018

Die Erdwichtelein vom Hohenneuffen

Die zerklüfteten Felsen des Hohenneuffen, auf denen jetzt die großartigsten Ruinen der schwäbischen Alb stehen und die in grauer Vorzeit eine mächtige Volksburg trugen, dienten einst den Erdwichtelein als Wohnung. Das waren ganz kleine Leute, nur etwa eine halbe Elle lang: die Männlein hatten gelbe Hosen und rote Strümpfe an und einen langen Bart. Der Sage nach sollen sie einstens über die Menschen geherrscht haben und von ihnen abgöttisch verehrt worden sein: denn sie kannten die Kräfte der Wurzeln und Kräuter genau und taten den Menschen viel Gutes. Während des Sommers bis zum Spätherbst kamen sie aus ihren Klüften hervor zu den Leuten im Felde und halfen bei der Arbeit. Am liebsten aber arbeiteten sie für die Menschen bei Nacht, wenn es niemand sah. Es durfte zur Erntezeit nur jemand anfangen, abends ein Kornfeld zu schneiden und die Sichel liegen lassen, so war es am andern Morgen gewiß ganz abgeschnitten. Ein Bauer, der einmal spät auf die Wiese zum Heumähen ging, sah, wie drei Männlein die Sensen genommen hatten und wetterlich darauf losmähten. Als sie ihn aber erblickten, liefen sie davon. Nachts kamen sie oder auch ihre Weiblein in die letzten Häuser, die vor der Stadt Neuffen liegen, und taten alle Arbeit für die Menschen. Man durfte ihnen aber nichts dafür geben; auch sah man sie sehr selten. Alte Leute haben erzählt, daß sie aus dem Morgenlande zu uns gekommen seien und daß sie sich später wieder hätten dahin zurückziehen müssen. Warum? Das weiß man nicht; aber wahr muß es sein, denn gesehen hat man sie schon seit vielen Jahren nicht mehr.

 

(Nach Meier von N.)

Der Esel von Neuffen

Der Hohen Neuffen

Stolz und uneinnehmbar steht sie da mit ihren mächtigen Mauern und Türmen, die mächtige Ritterburg Hohen Neuffen. Trotzig schaut sie ins Tal hinab.

Wieder war die Nacht hereingebrochen. Ein Lichtlein nach dem anderen erlöschte. Nur der Turmwächter spähte mit scharfen Augen in die Finsternis hinaus. War das nicht ein pferdegetrappel? Hörte er nicht Schritte die immer näher kamen? Und dazwischen ein Flüstern und Krachen im Walde, wie wenn man sich heimlich herschliche. Da blitzte eine Ritterrüstung im Fackelschein auf. Scharf klang der Hornruf durch die Nacht. Mit einem Schlag war die Burg wach. Die Mannen eilten mit Schild und Speer zu den Mauern. Eben trat der Ritter aus dem Haus. Er trug seine Eisenrüstung und auf dem Haupte den Helm. In der Küche prasselte schon das dürre Holz unter den gefüllten Kesseln. Öl war es Öl, das nicht schnell genug sieden konnte. Mit lautem Gebrüll “Holz, Holz her”.  Dann eilten die Mägde mit den dampfenden Eimern hin zur Mauer, kehrten zurück und füllten sie wieder. Und so immer fort, ohne Rast.

Da war der Feind schon da, Sechs Männer rannten mit Eisenstangen gegen die Mauer und wollten sie durchstoßen. Ein Eimer siedendes Öl übergoß sie, dass sie mit lautem Schmerzensschrei in die Tiefe sanken. Ihr Schleuderkasten warf die Brandfackel in den Burghof, daß der ganze Berg geschwind hell aufflammte. Ihr folgten Steine und Balken, alles umsonst. Denn von den Mauern droben wurde jeder Wurf mit einem Steinhagel erwidert. Der heiße Kalk verfehlte kein Ziel. So war es auch in der nächsten Nacht und an den kommenden Tagen. Laßt uns abziehen! sagten die  Feinde verdrießlich, wir können nichts ausrichten gegen die Burg. Nein, laßt uns warten, bis der Hunger sie zur Übergabe zwingt!

Woche um Woche verging. Schon seit 6 Monaten lag der Feind um die Burg her. Hier war die Not aufs höchste gestiegen. Ein Stücklein Brot war alles an einem Tag. Kein Wunder daß die Kämpfer kaum mehr die schweren Steine heben konnten und das Schild fast ihrer Hand entsank. Dennoch ergaben sie sich nicht. Jetzt war nur noch ein Scheffel Korn und ein Esel da. Schon wollten sie das Grautier schlachten. Da fing ein alter Knecht den Stoß ab und sagte: “Lasst es sein, Kameraden! Wir wollen den Esel erst schlachten, wenn wir ihm Korn gefüttert haben”. Der Kerl ist wohl verrückt, schrie sein Nachbar. Wir brauchen Brot und Fleisch. Freilich, und ich meine, wenn wir den Esel nachher Schlachten, kommen wir schneller dazu. Dann werfen wir den vollen Magen dem Fein hinunter. Gesagt, getan. Am nächsten Morgen rollte der körnergefüllte Eselsmagen den Berg hinunter bis zum Lager der Feinde. Ein Ritter hemmte mit dem Fuße seinen Lauf und schaute die besonderbare Kugel genauer an. Seine Kameraden wollten auch sehen, was der seltsame Fund bedeutete. Das Entsetzen war groß, als sie merkten, daß die Belagerten dem Esel Korn gefüttert hatten. Da können wir noch lange warten, bis sie ausgehungert sind, sagte der feind und zog ab. Burg war gerettet und uneinnehmbar. Der Ritter vom Hohen Neuffen ließ aus Freude über die Rettung einen Eselsfuß in sein Wappen machen.

Und wer die Neuffener ärgern will, heißt sie heute noch “Esel” oder “Eselsfresser”.

 

Quelle: “Unter Teck und Neuffen – Heimatbuch für den Kreis Nürtingen” – Band 1                                                       Herausgeber: Carl Mayer (Kirchheim unter Teck, 1949).

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